Fördert die Corona-Pandemie das digitale Entlassmanagement?

Schnell, unkompliziert und gemeinsam neue Lösungen für die Nachversorgung von Patienten zu schaffen, ist das Ziel – aber welche Lösung ist die beste?

Digitalisierung wird seit Beginn der Corona-Pandemie als Lösung für viele Probleme angesehen und unterstützt in Bereichen, in denen die Digitalisierung bis vor Kurzem noch undenkbar war.
Transformation im „Schneckentempo“ trifft auch auf das Gesundheitswesen zu. Gerade im Entlass- und Aufnahmemanagement von pflegebedürftigen Patienten werden digitale Unterstützungsangebote sehr zurückhaltend eingeführt. Die gesetzliche Unterstützungspflicht bei der Suche nach einer pflegerischen Versorgung liegt seit dem Erlass des „Rahmenvertrags Entlassmanagement“ (01.10.2017) aufseiten der Krankenhäuser. Für Kliniken bedeutet die Vereinbarung hohen zeitlichen und personellen Aufwand. Ausgehend vom vorherrschend analogen Prozess, führen Sozialdienstmitarbeiter teils zwischen 20 bis 40 Anrufe auf der Suche nach einer pflegerischen Nachversorgung für ihre Patienten – eine nicht originäre Tagesaufgabe eines qualifizierten Sozialdienstmitarbeiters.

Pflegeplatzbörsen – ein erster Versuch

Den Versuch, freie Pflegekapazitäten digital zu erfassen, gibt es bereits seit einem Jahrzehnt. Meist werden auf Initiative öffentlicher Akteure, wie Städte und Landkreise, Pflegeplatzbörsen geschaffen. Dieser Ansatz wurde auch bei der Einführung des „Heimfinders“ in NRW verfolgt. Das Prinzip ist einfach: Nachversorger stellen regelmäßig freie Pflegeplätze online auf der Plattform des Landkreises ein, suchende Kliniken können darauf zugreifen und zielgerichtet die gemeldeten Plätze anfragen. Das Ergebnis ist jedoch heute wie damals identisch – die ausschließlich regionalen Ansätze der Pflegeplatzbörsen werden von Pflegeakteuren nur sporadisch genutzt, es gibt keine Transparenz in Echtzeit. Die Eingabe freier Pflegeplätze kann nicht, oder nur mit viel Aufwand für die Pflegeakteure, auf individuelle Patientenwünsche abgestimmt werden. Das Wichtigste aber ist, dass sich zu keinem Zeitpunkt sicher sagen lässt, dass die angegebenen Plätze noch aktuell sind – ein Angebot ohne Zukunft.
Verschiedene private Anbieter beschäftigten sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Problem und adaptierten den Grundgedanken des Prozesses aus der Praxis: Hier wird der Prozess durch die suchende Klinik eingeleitet. Diese stellt eine individualisierte Anfrage, und die Pflegeanbieter können darauf reagieren. Von Vorteil ist, dass man in diesem Prozess die sich ständig ändernden Kapazitäten individuell und patientenzentriert abfragt, so eine hohe Passgenauigkeit erzielt und die Rückmeldungen der Nachversorger abbildet. Die Anbieter unterscheiden sich, z. B. durch den Serverstandort und damit verbundenen Datenschutz, die Nutzung von Scoring-Algorithmen beim Matching mit Auswirkung auf den Stellenwert der Nachversorger wie auch durch das gewählte Vergütungsmodell – Faktoren, mit denen sich auch die Marktführer Pflegeplatzmanager und Recare gegeneinander abgrenzen. Hier muss jede Klinik für sich entscheiden, welche Ansätze zur eigenen Philosophie passen.

Digitale Plattformlösungen – Herausforderung in der Praxis

Der Nutzen von Plattformlösungen bezogen auf die sofortige und transparente Darstellung freier Kapazitäten und das daraus resultierende Potential der Effizienzsteigerung ist in der Theorie nachvollziehbar und fast unumstritten. Das zeigt sich auch während der Corona-Krise: auf den Ruf nach digitalen Lösungen wurde in kürzester Zeit mit der DIVI Intensivregister- Verordnung die gesetzliche Grundlage für die verpflichtende Nutzung des Registers der bundesweit verfügbaren intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten für COVID-19-Patienten geschaffen. Mit dieser Anordnung befördert das Bundesministerium für Gesundheit die wohl größte Herausforderung bei der Einführung und Umsetzung von Digitalisierungsprojekten. Auch hier gilt: Die Anwendungen funktionieren umso besser und schaffen den größtmöglichen Mehrwert für Nutzer, wenn möglichst alle Beteiligten die digitale Lösung regelhaft nutzen.

Für die Digitalisierung des Entlassmanagements bedeutet die derzeitige Entwicklung vor allem, dass Pflegeanbieter aktiv und verlässlich auf Anfragen der Betroffenen reagieren. Dabei ist es unerheblich, ob die betreffenden Pflegeeinrichtungen freie Pflegekapazitäten melden oder eine Aufnahme wegen Personalengpässen, zu geringer Fachkraftquote oder einer Pandemie untersagt ist. Tatsache ist, die Suchenden benötigen in jedem Falle eine Rückmeldung, um schnell und nahtlos übergeleitet werden zu können.

Zu Recht wird durch die Praktiker immer wieder darauf hingewiesen, dass persönlicher Kontakt sich nicht durch eine digitale Lösung ersetzen lässt. Die Bedenken, die teils auch durch die Angst vor dem Jobverlust entstehen, sind ernst zu nehmen. Der Faktor Mensch und der persönliche Kontakt soll durch die Plattform nicht abgelöst werden, sondern mehr Zeit für Detailabsprachen ermöglichen. Ein Vorteil in der sich zuspitzenden Pflegesituation, denn gerade durch die Corona-Pandemie wurde deutlich, dass bei geringer werdenden Kapazitäten der Suchaufwand exponentiell steigt. Eine Entlastung stellt dabei bereits die transparent dargestellte digitale „Absage“ dar, die dem Suchenden viel Zeit erspart.

Pflegeplatzmanager – Best Practice in der Pandemie

Einzelne Best-Practice-Beispiele bei der Digitalisierung des Entlassmanagements gab es in Deutschland schon vor dem Ausruf des internationalen Gesundheitsnotstands. Es ist davon auszugehen, dass diese nach der Pandemie in Zahl und regionaler Ausdehnung zunehmen werden.

Der Pflegeplatzmanager, ein Startup aus Thüringen, hat 2019 mit der Krankenhausgesellschaft Baden-Württemberg einen Rahmenvertrag über die flächendeckende Einführung der Kommunikationsplattform „Pflegeplatzmanager“ im Bundesland abgeschlossen. Damit sollte besonders dem entstehenden Flickenteppich durch die Nutzung diverser Anwendungen entgegengewirkt werden. Das Vorgehen zahlt sich aus, bereits heute sind über 50 Klinikstandorte in Baden-Württemberg am Netz. Zum Start im Februar 2020 wurden weit über 1.000 Akteure aufgeschaltet. Die zweite Phase der Aktivschaltung erfolgte, trotz Corona-Sondersituation, Anfang April. Dabei zeigte sich, dass infolge der weiteren Zuspitzung des Mangels an Pflegekapazitäten die Plattform im Prozess nutzbringend unterstützen kann. Sicher werden keine neuen Pflegekapazitäten geschaffen, doch das Tool ermöglicht den Sozialdienstmitarbeitern in Kliniken, für jedes individuelle Patientengesuch eine Abfrage zu starten und in Minuten eine transparente Darstellung über alle Einrichtungen, mit und ohne Aufnahmekapazitäten, zu erhalten.

Das Tool senkt den Arbeitsaufwand erheblich. Beispielhaft dafür steht die Region Karlsruhe mit dem Städtischen Klinikum Karlsruhe, den ViDia-Christliche Kliniken Karlsruhe und dem SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach. Trotz der problematischen Situation haben das Städtische Klinikum und die ViDia Kliniken eine Angebotsquote von 93 %. Hervorzuheben ist, dass die ersten Versorgungsangebote oft bereits in den ersten fünf Minuten eingehen. Sicher auch ein Verdienst der genannten Kliniken, die die Einführung sehr aktiv unterstützten. Neben einem Netzwerktreffen, auf dem die Hintergründe und Ziele erläutert wurden, hat etwa der Pflegedirektor des Städtischen Klinikums Karlsruhe, Josef Hug, die Nachversorger des Pflegenetzwerks persönlich zur Teilnahme und Nutzung der Kommunikationsplattform „Pflegeplatzmanager“ motiviert.

Auch in Schleswig-Holstein wurde ein gemeinsames Vorgehen besprochen. Die Krankenhäuser im 6K-Verbund sicherten ihre Teilnahme vertraglich zu. Das Klinikum Itzehoe nutzt den Pflegeplatzmanager bereits länger: Die Reaktionsquoten liegen bei wenigen Minuten, in den vergangenen zwei Monaten wurden 159 Patientenprofile eingestellt, darauf gab es im Durchschnitt 1,82 Hilfeangebote. Federführend beim Implementierungsprozess des Pflegeplatzmanagers agierten Pflegedirektor Michael Müller, der IT-Leiter des Krankenhauses und stellv. Vorsitzende des Bundesverbandes der Krankenhaus-IT-Leiter Thorsten Schütz sowie die Leiterin Case Management Michaela Haack. In enger Zusammenarbeit mit dem Team des Sozialdienstes wurde der gemeinsame Netzwerkaufbau, der die Basis für nachhaltige Entlassprozesse darstellt, vorangetrieben und in kürzester Zeit ein jahrelang analoges Vorgehen digitalisiert.

Schon heute gibt die Plattform Pflegeplatzmanager 187 Kliniken in Deutschland, darunter die Mitglieder des 6K-Klinikverbundes, die Krankenhausgesellschaft Baden-Württemberg sowie weitere Maximalversorger, die Möglichkeit unkompliziert mit über 90 % der rund 30.000 Nachversorger in Deutschland Kontakt aufzunehmen, wie die Karte zeigt.

Die vernetzende, digitale Struktur unterstützt

Die Corona-Pandemie stellt das Gesundheitswesen vor große Herausforderungen, denen man schnell, unkompliziert und gemeinsam begegnen muss. Neben den bereits ergriffenen Maßnahmen zur Aufnahme und Verteilung der COVID-19-Patienten, sollte mit Empfehlungscharakter grundsätzlich eine vernetzende, digitale Struktur zur Entlassung und Nachversorgung von Patienten flächendeckend aufgebaut werden.

Quelle: Passoth N: Fördert die Corona-Pandemie das digitale Entlassmanagement?. Management & Krankenhaus 2020; 39 (6): 7.